LV Steiermark Judo News

EUROPACUPFINALE IN ABENSBERG

Ort: Abensberg / Bayern, Deutschland
Datum: Samstag, 19.Oktober 2002

Bericht: Franz Bergmann

JUDO DER ZUKUNFT !!!

Die Liste der Vorschläge und gut gemeinter Konzepte, wie man unseren Judosport medienmässig erfolgreicher und für die Zuseher interessanter gestalten kann, ist endlos. Doch bis zum jetzigen Zeitpunkt sind diese Versuche in der Praxis alle gescheitert. Die Kunst besteht ja darin, den sogenannten "Judolaien" unseren Sport schmackhaft zu machen. Teilerfolge auf diesem Gebiet erzielte man bis jetzt vor allem im "Showblock", also entweder bei der Eröffnungszeremonie oder beim Programm vor den Finalkämpfen. Vor allem die letzte EM in Maribor hatte diesbezüglich punkten können. Doch eine gesamte Veranstaltung lang das Publikum pausenlos "zu fesseln", die Veranstaltung pausenlos interessant zu gestalten - diesen gordischen Knoten konnte bis jetzt zumindestens noch niemand lösen - bis jetzt - denn ab dem 19. Oktober 2002 ist auch dieser Bann gebrochen. Verantwortlich dafür war der bayrische Judoklub TSV Abensberg. Was der Abensberger Judochef Hr. Otto Kneitinger mit seinem Team anlässlich dieser Veranstaltung zauberte, war das Judo der Zukunft !

Die Veranstaltungen in den Jahren zuvor waren schon großartig, doch heuer haben die Abensberger den "Vogel voll abgeschossen!" Jedem Zuseher, der dieses Finale live miterleben durfte, war klar: das und nur das ist das Judo der Zukunft! Natürlich kostet das eine ganze Menge Geld und natürlich werden dafür viele freiwillige Helfer, die unermüdlich arbeiten, vonnöten sein - doch der Erfolg gibt ihnen recht. Ein ausführlicher Bericht über dieses EC - Finale kann man in unserer nächsten Verbandszeitung "Ippon" nachlesen - ich werde versuchen, die Geschehnisse relativ kurz zu fassen.

Eine kurze Vorstellung der 4 Mannschaften:

Kenamju Haarlem (NL):
Haarlem ist ein Vorort von Amsterdam. Dieser Klub ist eine private Judoschule der Familie Van der Geest. Die Holländer sind seit dem Jahre 1993 ohne Unterbrechung in der Finalrunde dabei - 1998 wurden sie in Abensberg Europameister mit einem Sieg über Paris St. Germain. Bei der heurigen Europameisterschaft stand die Familie Van der Geest im Mittelpunkt, da sie an einem Tag durch Elco van der Geest (-100kg) und Dennis van der Geest (+100kg) gleich 2 Europameistertitel für die Judofamilie Van der Geest erreichten; Erfolgstrainer dieser Mannschaft und einer der weltbesten Trainer ist der Vater der beiden - Europameister Kor van der Geest. Seine Schwäche sind seine fast schon "berühmten Wutausbrüche", was ihm schon so manche Sperren gekostet haben.

Yawara Newa St. Petersburg (RUS):
Der Präsident dieses erfolgreichen Klubs ist niemand geringerer als der Russische Staatspräsident Vladimir Putin, selbst Schwarzgurtträger und ehemaliger aktiver Judoka. Sie sind der Titelverteidiger und haben die Judogroßmacht im gesamten osteuropäischen Raum.

Petrom Liberty Oradea (ROM):
Daniel Lascau, der Weltmeister war aus politischen Gründen 1990 aus Rumänien geflohen, wurde vom deutschen Staat gerne aufgenommen und bedankte sich bei Deutschland auf seine Weise: mit dem Weltmeistertitel. Lascau stammt aus Oradea. Zwei Jahre später traf er zufällig seinen Ex-Trainer, Proff. Florian Velici, heute der "Meistermacher von Abensberg". Das Team von Oradea war im heurigen Finale die "unbekannte Größe."

TSV Abensberg (D):
Dieser Klub ist die "Judoperle Deutschlands". Die größten Erfolge waren die Europacupsiege 1994, 1997, 1998 und 2000. Der Heimvorteil sprach natürlich für die Deutschen und noch etwas hatten die Deutschen im Talon: eine unglaubliche Fangemeinschaft, die jeden Gegner erzittern ließ! Diese Fangemeinschaft fiel nicht nur durch ihr Temperament auf, sondern vor allem auch durch ihr faires Verhalten bei einer Niederlage ihrer Judoka und ihr ungemeines Fachwissen - schon alleine deshalb ziehe ich "meinen Hut" vor diesen symphatischen Fans!

Die erste Begegnung Yawara Newa St. Petersburg gegen Liberty Oradea endete mit einem klaren 10:4 Erfolg für "Putins" Mannschaft Yawara Newa. Die rumänische Mannschaft war alles andere als "schwach", zumindestens was man aus dem Endergebnis ableiten würde. Entscheidend bei dieser Begegnung war ganz einfach die Tatsache, dass sich die Rußen so stark wie noch nie präsentierten! Spätestens ab diesem Zeitpunkt war allen klar, dass Newara Newa St. Petersburg als Favorit zu bezeichnen sind.

Dann kam der zweite Kampf um den Einzug in das Finale: Kemanju Haarlem gegen die Heimmannschaft von TSV Abensberg. Da war natürlich von Beginn an "der Teufel los." Der Kommentator heizte die Stimmung in der Halle so richtig an, die einzelnen Kämpfer kamen zwischen zwei Flammensäulen auf die Matte und wurden vom Publikum wie einst die Helden aus der griechischen Sagenwelt empfangen - das war einfach perfekt und ließ beim Publikum die "Gänsehäute" reifen. Unsere Sportart hat sich schon lange diese Auftritte verdient, denn sie sind auf Grund ihrer Athletik als "Zirkusartisten" zu bezeichnen. Brot und Spiele - so hieß es im alten Rom - auch dort wurden die Kämpfer mit allen Ehren empfangen, dasselbe gilt auch für unsere Sportler. Natürlich geht es bei uns Gott sei dank nicht mehr um Leben und Tod. Doch die Leistungen unserer Judoka haben sich schon längst einen großen Stellenwert im Sportgeschehen verdient!

Bei dieser Begegnung hätte der berühmte Krimiautor Sir Alfred Hitchkok noch etwas lernen können, so spannend war diese Begegnung. Die Holländer führten gleich zu Beginn an mit 3:0 Siegen. Dann kam der starke Auftritt von Alexander Budolin (-81kg Vizeweltmeister, Europameister, 3. Platz OS) - ein lupenreiner Ippon durch einen Sasae-Tsuri-Komi-Ashi ließ die Abensberger wieder hoffen - nur mehr 3:1 für die Holländer. In der Klasse bis 90 kg kam der Kanadier Keith Morgan (5. Platz bei der WM 2001) bis auf 3:2 an die Holländer heran. Der Pausenstand lautete 4:3 für die Holländer. Noch war alles offen. In der zweiten Runde hieß der Stand nach dem Kampf in der Klasse bis 73 kg 5:5 unentschieden. Entschieden wurde diese Begegnung erst im letzten Kampf in der Klasse +100kg. Von der Papierform her eigentlich eine klare Sache für die Holländer, denn der holländische Europameister Denis van der Geest kämpfte etwas überraschend gegen den Europameister Daniel Gürschner (eigentlich bis 100kg). Das Jahr 2002 verlief für den Deutschen alles andere als erfolgreich, und daher galt er als Außenseiter. Doch zwei wunderschöne O-uchi-gari von Daniel Gürschner brachten sensationell den 7:7, aber in de Unterbewertung 67:44. Erfolg für den TSV Abensberg. Damit avancierte Daniel Gürschner als "Held des Tages" und wurde so von seinen Anhängern auch gefeiert - und ehrlich gesagt - auch die "Nichtdeutschen" haben den symphatischen Daniel diesen Sieg vom Herzen vergönnt - mit Ausnahme des Holländischen Trainers, der das Resultat einfach nicht zur Kenntnis nehmen wollte und laut gestikulierend seinen Unmut kundtat.

Der Kampf um Platz drei wurde nicht ausgekämpft - also fand gleich das Finale statt. Dieses Finale - meine lieben Freunde aus Deutschland mögen mir diesen Ausdruck verzeihen - war eigentlich eine klare Sache für die Rußen. Schon allein der Halbzeitstand von 5:2 für das Team von St. Petersburg ließ wohl alle Hoffnungen der, wie schon erwähnt, fachkräftigen Fans am Boden zerstören. Trotzdem herrschte nach wie vor Riesenstimmung in der Halle und was mich besonders beeindruckte, war die Tatsache, dass das Publikum sehr wohl die Siege der Russen mit Applaus bedachten - das war Fairness pur! Der Endstand lautete: 5:8 für Yawara Newa St. Petersburg. Doch gewonnen haben an diesem Abend nicht nur das russische Team, sondern das gesamte Judoeuropa, bravo Abensberg , bravo ihr Abensberger Fans - ihr habt gezeigt, was Judo sein kann - ihr habt den Geist des Judosports gefördert und habt durch Eure Fairness bestätigt:

JUDO IST MEHR ALS NUR EIN SPORT !!!